19. Oktober in Reykjavik: Offener Brief von Klimawissenschaftlern an Ministerrat der nordischen Länder übergeben. Prof. Stefan Rahmstorf (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) überreicht den von Klimaforschern unterzeichneten Brief an Islands Klimaminister Guðlaugur Þór Þórðarson und trägt über den Stand der Forschung vor.
In der arktischen Region sind fünf der sechzehn Kippelemente im Erdsystem lokalisiert: der grönländische Eisschild, das Barentssee-Eis, die borealen Permafrostsysteme, die Tiefenwasserbildung des subpolaren Wirbels und die atlantische Umwälzzirkulation (Atlantic Meridional Overturning Circulation, AMOC). Diese Elemente sind anfällig für größere, miteinander verbundene Veränderungen, die sich selbst verstärken und in relativ kurzer Zeit eintreten können. Einige dieser Kipp-Punkte können schon bei einer Erwärmung von 1,5 bis 2 °C ausgelöst werden. Die Erde steuert zurzeit auf eine mittlere Erwärmung von mehr als 2,5 °C bis 2100 zu. Der Schaden, der entsteht, wenn ausgehend von der arktischen Region eine Kaskade von Kipp-Punkten ausgelöst wird, ist extrem hoch. Die Region könnte ein Ausgangspunkt (ground zero) für Ereignisse sein, die die Klimaregulierung auf dem gesamten Planeten verändern.
Die atlantische Umwälzzirkulation ist der vorherrschende Mechanismus im Nordatlantik für den Wärmetransport nach Norden. Der Golfstrom ist ein Teil der atlantischen Umwälzzirkulation. Die Meeresströmung bestimmt die Lebensbedingungen für alle Menschen in der arktischen Region, in Nordwesteuropa und darüber hinaus. Die AMOC ist zunehmend gefährdet, einen Kipp-Punkt zu überschreiten. Jüngste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass das Kipp-Risiko der atlantischen Umwälzzirkulation bisher unterschätzt wurde. Das Risiko sehr großer, nicht wieder zu korrigierender nachteiliger Auswirkungen auf das Klimasystem ist damit höher als bisher angenommen. Es besteht die Möglichkeit, dass das Überschreiten dieses Kipp-Punkts bereits in den nächsten Jahrzehnten erfolgen kann, oder dass ein Kippen der AMOC in diesem Jahrhundert ausgelöst wird, aber erst im nächsten Jahrhundert unausweichlich seine volle Wirkung entfaltet.
Sollte die atlantische Umwälzzirkulation versiegen, hätte dies katastrophale Folgen für die nordischen Länder. Die einzige Region, die sich auf der Erde in den vergangenen Jahrzehnten abgekühlt hat, liegt im subpolaren Nordatlantik. Ursache ist möglicherweise eine Verlangsamung der atlantischen Zirkulation. Entwickelt sich diese Tendenz weiter, würde es in Nordwesteuropa zu einer massiven Abkühlung kommen, während sich die umgebenden Regionen weiter erwärmen. Das würde zu unvorhersehbaren Extremwetterereignissen führen, die in zunehmendem Maße eine funktionsfähige Landwirtschaft in Nordwesteuropa gefährden würden.
Viele weitere Auswirkungen werden wahrscheinlich weltweit zu spüren sein, darunter eine Verschiebung der tropischen Niederschlagsgürtel (mit ihren Auswirkungen auf die tropischen Regenwälder), eine geringere Aufnahme von Kohlendioxid durch den Ozean (und damit ein schnellerer Anstieg in der Atmosphäre) sowie ein erheblicher zusätzlicher Anstieg des Meeresspiegels, insbesondere entlang der amerikanischen Atlantikküste. Zudem würde es zu massiven Änderungen der marinen Ökosysteme kommen, mit allen damit einhergehenden Folgen für die Fischerei.
Wegen der tiefgreifenden und katastrophalen Folgen, die das Versiegen der atlantischen Umwälzzirkulation zur Folge hätte, hat eine Gruppe von Klimawissenschaftlern einen offenen Brief verfasst. Dieser soll ein Signal an die Politik sein, dieses Risiko auch bei den noch bestehenden großen Unsicherheiten ernst zu nehmen. Es muss dringend mehr getan werden, um das Risiko zu verringern.
Die Anpassung an eine solch schwerwiegende Klimakatastrophe ist keine praktikable Option. Deshalb fordern die Wissenschaftler den Ministerrat nordischer Länder dringend auf (a) eine Bewertung dieses bedeutenden Risikos für diese Länder einzuleiten und (b) Schritte zu unternehmen, um dieses Risiko so weit wie möglich zu minimieren. Diese Länder könnten ihre starke internationale Stellung nutzen, den Druck zu erhöhen, mit größerer Dringlichkeit und Priorität die Emissionen so schnell wie möglich zu reduzieren. Die globalen Bemühungen, das im Pariser Abkommen festgelegte Ziel von 1,5 °C zu erreichen, müssen verstärkt werden.
Zu diesem Thema gibt es einen Podcast.
Hier sind die Links zu den Literaturstellen, die in dem offenen Brief zitiert werden: [1, 2, 3, 4 (p. 18), 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13].